THE MAD CHANCE OF A SUMMER TIME

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Träume, Abenteuer und Entdeckungen sind die Eckpfeiler, auf denen meine Passion für das Karpfenangeln gebaut ist. Das Umfeld der ausgewählten Gewässer ist also genau so wichtig wie die Größe der Fische, die darin schwimmen. Leider wird es zunehmend schwieriger, Gewässer zu finden, an denen man diese Passion uneingeschränkt ausleben kann. Ein Grund dafür ist die weiterhin ansteigende Anzahl an Karpfenanglern, was leider immer wieder zu teilweise deutlich überzogenen neuen Verboten führt. Das beste Beispiel dafür ist der berühmte Lac de Saint Cassien in Frankreich. Seit das neue Reglement in Kraft getreten ist, sind Nachtangeln und das Übernachten am See strengstens verboten. Mit dieser Story will ich mit euch in eine Zeit zurückreisen, als man dort noch fast uneingeschränkt seiner Passion nachgehen konnte…
Es ist Hochsommer, das Wetter ist konstant und die Temperaturen sind seit Tagen hoch. Die Gewässer in meiner Umgebung werden allesamt von Holländischen Anglern belagert. Ich habe meinen Urlaub seit Monaten eingetragen und werde jetzt bestimmt keinen Rückzieher machen, also ist es Zeit für Plan B: eine Woche am Heiligen See angeln!
Jedes Mal wenn ich an den Cassien fahre, nutze ich dazu die Nachtstunden, damit ich bei Tageslicht am See ankomme und so schnell einen Überblick bekomme, welche Bereiche frei sind und welche Plätze schon von anderen Anglern belegt werden. Gleich nach der Ankunft treffe ich mich mit ein paar Freunden und wir diskutieren bei einem gemütlichen Kaffee über die Vorkommnisse am See. Einer der wichtigsten Faktoren am Cassien ist der Wasserstand, da dieser meist die Zugrouten der Fische beeinflusst.
Der Wasserstand ist in den letzten 10 Tagen stetig gesunken und sofort habe ich mir eine passende Strategie im Kopf zurechtgelegt. Ich möchte die Fische auf ihrem Weg aus dem Westarm abfangen, da dieser der Flachste der drei Arme ist. Der Bereich direkt vor dem Eingang zum Westarm, vom Kevin Ellis Point bis zur kleinen Insel im Kreuz, ist oft wirklich produktiv und daher auch sehr beliebt bei den Anglern. Wie so oft ist Kevin Ellis bereits belegt und ich treffe die logische Entscheidung am Strand nahe der kleinen Insel aufzubauen.

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Das Wetter ist immer noch konstant und ein starker Ostwind bläst über den See. Ich entscheide mich, ein großes Plateau in 5 bis 8 Meter Wassertiefe zu füttern, das ich von vorangegangenen Trips bestens kenne. Ich habe etwa 30kg Boilies mit einem Durchmesser von 25mm dabei. Kleiner Boilies würde ich hier nicht verwenden, da ich auch die unzähligen Krebse und Weißfische in Betracht ziehen muss. Ich habe nur zwei Ruten montiert, da ich verhindern will, dass Fische durch zu viele gespannte Schnüre verschreckt werden. Ein diskretes Vorgehen ist der Schlüssel.
Ich bin ein großer Fan von Area Baiting, also das Füttern größerer Flächen, und besonders am Lac de Saint Cassien habe ich damit beste Erfahrungen gemacht. Ich denke, diese Art des Fütterns wirkt sich positiv auf die Fressweise der Karpfen und somit auf die Anzahl der Bisse aus, wohingegen es deutlich schwieriger sein kann, beispielsweise auf einzelne Fluo Pop Ups und kleinere Spots mit kaum Beifutter Fische zu haken…
Aus diesem Grund verteile ich gleich zu Beginn 6kg Boilies auf einen 100m breiten Bereich. Ich benutze ein 7oz Inline Blei mit einem Kombi Rig, wobei ein kleines Blei direkt auf dem Vorfach dazu beitragen soll, dass sich die Fische besser haken. Als Hakenköder verwende ich nur einfache Boilies, die mit Schrumpfschlauch gegen die Krebs- und Weißfischattacken resistent gemacht werden. Ein Rig wird in der Peripherie des Plateaus platziert, während das andere direkt auf den höchsten Punkt des Plateaus kommt.
Wie zu erwarten passiert die ersten 24 Stunden nicht viel, aber das ist nicht weiter beunruhigend, da sich seit einer Weile einige Fische regelmäßig an der Oberfläche zeigen und meine Zuversicht von Minute zu Minute steigt. Am Abend des zweiten Tages läuft die erste Rute ab und ein 13kg Spiegler macht den Anfang. Kurz vor Mitternacht folgt der nächste, ein wie verrückt kämpfender, langer Schuppi und zwei Stunden danach schon wieder ein Run! Die restlichen Nachtstunden bleiben dann ruhig, aber es scheint, als hätten die Karpen den reich gedeckten Tisch gefunden und sich die Leber Boilies ordentlich schmecken lassen.
Am nächsten Tag wechselt das Wetter auf Sturm und Windböen, wobei bis zu 80km/h erwartet werden. Während sich die ersten Wolkentürme aufbauen bereite ich das Camp auf die Apokalypse vor und sichere mein Brolly so gut es geht. Die schweren (Ersatz-) Bootsbatterien helfen mir dabei. Kaum fallen die ersten Tropfen, sitze ich bereits unter meinen für den Sturm modifizierten Brolly und warte auf ihn. Die Windböen werden jede Minute stärker, aber das Camp scheint standzuhalten. Unterschätzt nie die unbändige Kraft von Unwetter, besonders am Lac de Saint Cassien. Aus naheliegenden Gründen versuche ich immer, mein Camp so weit wie möglich von hohen und etwas verdächtig aussehenden Bäumen entfernt aufzubauen.

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Grelle Blitze erhellen den Himmel und mitten in diesem Spektakel läuft eine meiner Ruten ab! Bei diesen Bedingungen kann ich unmöglich ins Boot und den Fisch drillen, viel zu gefährlich! Kein Fisch der Welt ist es wert, dafür sein Leben auf das Spiel zu setzen, also muss ich leider fürs Erste darauf warten, bis das Unwetter vorbei ist, bevor ich mich um den Fisch kümmern kann. Nach 5 Minuten Weltuntergangsstimmung nimmt der Fisch weiterhin gelegentlich Schnur und ich kann daher sicher sein, dass er immer noch gehakt ist, als plötzlich meine zweite Rute einen Biss signalisiert! Ich muss zugeben, dass ich mich in dieser Situation wirklich unwohl gefühlt habe. Blitze und Donner überall, beide Ruten laufen ab und ich bin dazu verdammt, dazusitzen und abzuwarten, da ich unter diesen Bedingungen nicht sofort mit dem Drill beginnen kann. Wenig später besserte sich die Lage und ich konnte endlich ins Boot und mich um die Fische kümmern. Glücklicherweise gelang es mir, beide Fi-sche sicher zu landen. Zwei kleine Schuppis, kein kaputtes Tackle – dieses Mal war ich auf der Gewinnerseite! Es ist immer noch sehr windig als ich mich am Abend dafür entscheide, noch etwas mehr Futter auf den Spot zu bringen, um die Fressaktivität noch zusätzlich anzufeuern. Die Nacht bringt wieder einige Runs und ich kann erneut ein paar schöne Fische landen, darunter auch zwei richtig gute – ein Schuppi und ein Spiegler. Alles funktioniert tadellos bei dieser Session, bis ich realisiere, dass ich ein großes Problem habe: es ist erst Halbzeit, also habe ich noch 3 weitere Tage vor mir, und ich habe nur noch 10kg Boilies übrig. Ab sofort muss ich die Ködermenge rationieren, die ich nach jedem Biss füttere, was sich natürlich sofort in den Ergebnissen wiederschlägt und die Aktionen lassen langsam aber sicher nach. Das mag ich logischerweise ganz und gar nicht und ich versuche, eine Lösung für dieses Problem zu finden.
Nach einem kurzen Telefonat mit meinem Freund Ben, willigt dieser ein sich mit mir am See zu treffen. Das Gute daran: Ben hat einen Riesenvorrat an frischen Boilies! Perfekt, Ben und Boilies sind auf dem Weg zum Cassien und mein Problem wird sich bald in Luft auflösen. Meine Ködervorräte neigen sich mit Hochgeschwindigkeit dem Ende zu, da ich die Karpfen bei Laune halten muss und das nur durch Futtereintrag möglich ist. Kurz nachdem ich den allerletzen Kilo Boilies über den sorgfältig ausgewählten Bereich verteile, steht Ben am See und entscheidet sich kurzerhand, die verbleibenden Tage mitzuangeln. Wir sind jetzt wirklich gut ausgerüstet, entschei-den uns aber, die bisherige Strategie beizubehalten und nur jeweils zwei Ruten zu fischen. Der einzige Unterschied ist, dass wir die Futtermenge etwas erhöhen. Das zahlt sich sofort aus und wir schaffen es, die Bissfrequenz auf 4-5 Runs pro Tag zu erhöhen. Ben hat das Glück, den größten Fisch der Session zu fangen – ein echtes Unikat, fast 25kg schwer! Alles in allem können wir bei 25 Runs 22 Fische landen. Am Lac de Saint Cassien gibt es Wochen wie diese, wo alles so einfach scheint und man sehr schnell anfängt, regelmäßig Fische zu fangen. Andererseits kommt es aber auch regelmäßig vor, dass man mit langen Blankperioden zurechtkommen muss, egal wie sehr man sich anstrengt, die Fische zu finden oder wieder einmal mit schmerzenden Armen den ganzen See auf der Suche nach einem passenden Platz abrudert, weil viele Angler vor Ort sind. Das entscheidende Element dabei ist aber immer die eigene Entschlossenheit. Nicht vergessen: es braucht nur einen einzigen Biss, um einen wahren Giganten des Lac de Saint Cassien zu fangen und das ist in dieser kultigen Atmosphäre einfach immer etwas ganz Besonderes.